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Eine Gesprächsrunde am ersten Tag der XPOMET 2018 in Leipzig widmet sich dem ökonomischen Wert von Gesundheitsbeziehungen unter dem Einfluss von Dezentralisierung und medialer Vielfalt.

Gemeinsam mit Jan Schellenberger (CTO, Health AG), Martin Tiani (Grapevine World, Wien), dem Informatiker Andreas Sterzer und dem Arzt Dr. Carsten Nitschke (beide Projekt Exacore), sowie Gunnar Harms von Vitabook und Moritz Behm diskutiert Frank Stratmann (alias @betablogr) über das künftige Gesundheitsgeschehen mit Blick auf die systemrelevanten Aspekte rund um das Auftauchen der Blockchain Technologie und einer stetig voranschreitenden Medialisierung. Nähere Vorstellung der Beteiligten am Ende des Beitrags

Wenn sich die Verhältnisse ändern, wandeln sich die Beziehungen. Wer sagt, Gesundheit würde digital, negiert, was wirklich passiert. Die digitale Transformation zielt auf die Verhältnisse, in denen Gesundheit gelingt. Vor allem dann, wenn Krankheit im Spiel ist. Sprechen wir doch besser von der Digitalen Transformation von Gesundheitsbeziehungen.

Für Diskussionswillige und als Briefing für alle Beteiligten und Gäste ist dieser Text gedacht. Verbunden mit der freundlichen Bitte, sich aus der eigenen Perspektive diesem Sachverhalt zu nähern, teile ich mit Ihnen/Euch folgende Überlegungen.

Ökonomischer Wert von Gesundheitsbeziehungen

Der ökonomische Wert von Gesundheitsbeziehungen bemisst sich für Patienten derzeit an der Wirksamkeit, schnell genesen zu wollen. Falls ein chronisches Leiden vorliegt, wünschen sich Patienten die Begleitumstände stärker persönlich handhaben zu dürfen. Immer häufiger wird mehr Präzision verlangt, was voraussetzt, dass sich die Patienten selbst in einer anderen Rolle wiedererkennen. Immer häufiger werden sie vom Gesundheitssystem enttäuscht. Während Patienten sich im Mittelpunkt sehen spielt für versorgende Gesundheitsunternehmen zunehmend die Bemessung der lukrativen Güte einer medizinischen Dienstleistung eine Rolle. Eine defizitär geprägte Mentalität bestimmt das Weltbild im Management von Versorgungseinrichtungen, um das Überleben der Einrichtung zu sichern. Die Politik wünscht sich eine Bereinigung der Krankenhauslandschaft. Der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn postulierte unlängst beim DRG Forum 2018, schlechte Qualität müsse vom Netz.

Fundamentale Kränkungen des Systems

Die kopernikanische Wende in der Gestaltung von Gesundheitsbeziehungen liegt längst hinter uns. Es gilt als akzeptiert, die Digitalisierung von Gesundheit, anzunehmen. Das neue Weltbild kommt nicht über Nacht. Es lässt sich aber auch keine 200 Jahre Zeit, wie zur Zeiten der Renaissance.

Heute geht es zeitnah darum, einen neuen Bund zwischen Organisationen der Versorgung und ihren Patienten zu schließen, der die Errungenschaften von Versorgungsqualität nicht mindert. Längst sitzen zwischen Arzt und Patient dezentral verfügbare Informationssammlungen, die der Patient ungefragt nutzt und gut gemeinte Ratschläge zur Unterlassung in den Wind schlägt. Tragbare, teils implantierte Sensorik oder smarte Gadgets erlauben ein Selbstmanagement von Gesundheit. Die Datenmenge steigt exponentiell. Digitale Diagnostik und Therapieangebote drängen auf den Markt und machen den Alltag der Menschen zum neuen Gesundheitssektor. Seit 15 Jahren wird der souveräne Patient durchs gesundheitswirtschaftliche Dorf gejagt. Jetzt scheint er endlich angekommen zu sein.

Was fehlt, ist die Struktur, in der sich das Gesundheitsgeschehen neu entfalten kann.

Das Gesundheitssystem verharrt in sich selbst. Gesucht werden Lösungen eher außerhalb. Privatwirtschaftliche Projekte, auch Krankenkassen und Startups peitschen die staatlich verordnete Agenda für eine digitale Gesundheit vor sich her. Denn die Asymmetrien beim medizinischen Wissen erzeugt nach wie vor genug Strömung zwischen Gesundheitssystem und Bevölkerung. An Patienten mangelt es nicht. Gerade in Deutschland scheint die Vollkaskomentalität noch sehr ausgeprägt. Doch das Vertrauen in die Verhältnisse in denen Gesundheit gelingt, erodiert seit Jahren.

Dezentralisierung und mediale Vielfalt

Die derzeit zu verzeichnenden Dezentralisierungsbemühungen rund um die Themenkomplexe Blockchain und Medialisierung von Gesundheit verstärken den Vertrauensverlust, weil das Gesundheitssystem in seiner Beharrlichkeit der dynamischen Entwicklung nichts entgegenzusetzen hat. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag, Erwin Rüddel darf zitiert werden.

„Das Gesundheitssystem ist auf die Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung nicht vorbereitet.“

Vielleicht aber neue, dezentrale Strukturen, die derzeit allerorts entstehen. Gleich zwei Blockchain Projekte bilden einen Teil der Gesprächsrunde und es dürfte spannend sein, wie die Vertreter dieser Projekte die Entwicklung der nächsten Jahre einschätzen. Big Data und die oft bemühte künstliche Intelligenz überfordern das Gesundheitswesen bedrohlich und lassen eine ganze Branche unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen.

Mediale Vielfalt

Medien verstärken das Dilemma. Die demokratisierte Medienvielfalt und ein exponentielles Wachstum an Daten verstärkt ein unterschätztes Paradox. Wissen, das kein Verhalten ändert erscheint uns nutzlos. Wissen, das Verhalten verändert, verliert immer schneller seine Relevanz. Institutionalisiertes Wissen, wie wir es in medizinischen Zusammenhängen finden, bleibt reaktionär. Abzulesen an der Orientierung des Gesundheitssystems, das sich eher als Reparaturbetrieb versteht und wenig Eifer zeigt, sich präventiver auszurichten. Frei zugängliche Informationen, wie es zum Beispiel Patienten für sich erkannt haben und nutzen, verändert nichts, weil es erst in Tateinheit mit medizinischer Kompetenz seine Wirkung entfaltet. Je mehr wir wissen, desto mehr Wissensdurst haben wir. Insbesondere Patienten. Mit ein Grund, warum das Vertrauen schwindet. Gesundheitsunternehmen haben derzeit wenig Antworten darauf.

Was gerade wirklich passiert

Mit den Dezentralisierungsbemühungen im Gesundheitsgeschehen und der medialen Vielfalt, garniert mit immer mehr Daten, steht das Gesundheitssystem vor fundamentalen Umbrüchen. Sie zeigen sich nicht als Tsunami oder Erdbeben. Es lässt sich auf. Die Blockchain ist einerseits Hoffnung und hat doch das Potenzial, die so häufig herbeigewünschte Disruption Wirklichkeit werden zu lassen. Disruotion kennt aber nicht nur Gewinner, sondern ist ein brutaler Akt für die marktorientierte Neuordnung. Interessant ist der Aspekt. Keines der außerhalb des Gesundheitssystems angesiedelten Projekte funktioniert allein. Es muss sich dem tradierten Gesundheitssystem zuwenden, es für den Paradigmenwechsel gewinnen, um es gleichzeitig zu zerstören.

In der Dezentralisierung liegt der Schlüssel zur Rettung unserer Versorgungsqualität. Die Kosten für eine zentralisierte Verwaltung des Gesundheitsgeschehens durch das System werden sich absehbar potenzieren, was die Dezentralisierung sinnvoll erscheinen lässt und die Bemühungen anheizen wird. Knotenpunkte für Vertrauen in das Gesundheitssystem lösen sich auf, weil kein Vertrauen mehr herrscht.

Die Medialisierung ist unumkehrbar und demokratisiert die Informationslandschaft für Gesundheit weiter. Die Hoheitsgebiete für Gesundheitskompetenz liegen schon länger nicht mehr im Krankenhaus oder in der Arztpraxis. Informationen werden stetig dezentralisiert und müssen jetzt strukturiert nutzbar für alle am Gesundheitsgeschehen Beteiligten gemacht werden.

Wer sitzt in der Gesprächsrunde?

Finden Sie nachfolgend eine kurze Vorstellung der Teilnehmer. Sie alle sind zu Gast bei der XPOMET 2018 zum Thema Der ökonomische Wert von Gesundheitsbeziehungen unter dem Einfluss von Dezentralisierung und medialer Vielfalt.

Jan Schellenberger, Health AG

Die Health AG bietet Hēa – die Vernetzte Praxissteuerung. Hēa vereinfacht Prozesse in den Bereichen Abrechnung, Factoring, Praxissteuerung und Wissen.

Profillink: Jan Schellenberger

Martin Tiani, Grapevine World GmbH

Grapevine vereint Unternehmen, die sich die Standardisierung im Datenaustausch zum Ziel gesetzt haben. So ermöglichen Grapevine Technologie-Lieferanten, Grapevine Provider und Grapevine Integratoren (Systemintegratoren) gemeinsam den globalen Datenaustausch – basierend auf IHE-Standards.

Profillink: Martin Tiani

Andreas Sterzer und Dr. Carsten Nitschke, Projekt EXACORE

Das noch sehr junge EXACORE BLOCKCHAIN Konzept umfasst eine Vielzahl an möglichen Veränderungen, die bis dato undenkbar waren, wie zum Beispiel eine universale Plattform für E-Health Anwendungen oder eine digitale Krankenakte, bis hin zu logistischen Optimierungen der digitalen Infrastruktur.

Profillink: Andreas Sterzes
Profillink: Dr. Carsten Nitschke

Moritz Behm

Als Unternehmensberater sammelte Behm Erfahrungen in den Bereichen Digitale Transformation, Digitales Strategie-, Veränderungs- und Innovationsmanagement sowie Programm- und Projektportfoliomanagement in verschiedenen Branchen unter anderem Pharma und Healthcare. Zudem ist er Dozent für eHealth, Innovations- und Projektmanagement u.a. an der FOM – Hochschule für Ökonomie und Management und promoviert zum Thema Digital Health an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg.

Profillink: Moritz Behm

Gunnar Harms, Vitabook

vitabook ist ein deutscher Anbieter digitaler Gesundheitskonten. Das Unternehmen bietet Patienten eine Plattform für seine Gesundheitsdaten – ähnlich wie beim Online-Banking können dabei sämtliche medizinischen Daten von Ärzten, Kliniken, Laboren u.v.m. gesammelt sowie selbst verwaltet werden. Die Daten werden stark verschlüsselt übertragen und liegen in der Microsoft Cloud Deutschland, also hochgesichert in zwei deutschen Rechenzentren.

Profillink: Gunnar Harms

Moderation Frank Stratmann

Als Mentor für die digitale Transformation von Gesundheitsbeziehungen übernimmt er Kommunikationsverantwortung in versorgenden Gesundheitsunternehmen. Denn die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Seine Arbeit versteht er als Rezeptor zwischen analoger und digitaler Welt.

Profillink: Frank Stratmann