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Bereits im letzten Jahr hatte ich gleich im Anschluss an die Apple Keynote berichtet. Während sich damals alle Tech-Journalisten und Adhoc-Freaks auf das neue iPhone X stürzten, zeigt ich auf, welche Entwicklungen das Unternehmen Apple als smartes Medizintechnikunternehmen vollzieht. Mit der heute vorgestellten Apple Watch Series 4 setzt sich das logischerweise fort. Und zwar ziemlich deutlich und mit prominenter, wissenschaftlicher Unterstützung.

Apple Watch Series 4 kam gleich zu Beginn

Natürlich war wieder einmal alles „amazing, powerful and incredible“. Apple schenkte gleich zu Beginn seiner neuen Apple Watch ihren großen Auftritt. Wie immer wurde im Vorfeld nicht nur über die neuen iPhone Modelle spekuliert. Marktbeobachter waren sich einig: Eine neue Serie der Apple Watch galt als wahrscheinlich. Heute Nachmittag deutscher Zeit tauchten dann sogar Hinweise zu den neuen Gehäusegrößen (40/44 mm) auf, weil Apple die Sitemap seiner Website vorab aktualisiert hatte.

Was ist neu an der Apple Watch?

Bereits die Apple Watch Series 3 überwacht ständig den Herzschlag seiner Träger. Mit der Series 4 allerdings geht Apple den erwarteten Schritt weiter. Neben dem Herzschlag misst das neue Gadget jetzt auch den Herzrhythmus über den schon aus der vorherigen Serie bekannten Sensor. Absolut neu ist: Ein elektronischer Sensor ermöglicht jetzt ein Einkanal-EKG. Apple betont, dass damit erstmals ein solches Diagnoseinstrument in die Hände von Konsumenten gelegt wird.

Apple Watch Series 4 bietet Einkanal-EKG

Damit bietet Apple uns erneut ein Indiz, dass man das Thema Vitaldaten-Monitoring immer wichtiger nimmt. Zusammen mit der Mustererkennung durch künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Früherkennung vieler Krankheiten zu verändern.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kardiologen verlassen sich in ihren Routinen zur Bestimmung von kardiologischen Erkrankungen nicht auf das Einkanal-EKG („Single-line ECG“). Den meisten Menschen dürfte diese Art EKG aus zahlreichen Arztserien bekannt sein. Das Einkanal-EKG wird vor allem bei der Langzeitüberwachung und der Überwachung von ambulanten Patienten in Notfallsituationen genutzt. Für sich genommen ist die Aussagekraft dieses EKG eher schwach. Arrhythmien und Kammerflimmern lassen sich aber nachweisen. Vor allem im Zusammenspiel mit künstlicher Intelligenz dürfte hier in Zukunft einiges zu erwarten sein.

Und die Apple Watch Serien 4 bekommt Unterstützung von der renommierten American Heart Association, die heute ihren frisch gewählten Präsidenten Ivor Benjamin, M.D nach Cupertino schickte. Ein Arzt auf der Bühne einer Apple Keynote. Das ist mindestens genau so neu, wie die Tatsache, dass die neue Apple Watch das erste Consumer-Endgerät ist, dass die Zulassung der U.S. Food and Drug Administration (FDA) für die EKG-Überwachung erhalten hat.

Der aktive Kardiologie der AHA zeigt sich inspiriert von der Erhebung von Vitaldaten in Echtzeit. Für ihn ist das der Schlüssel für die Veränderung, wie Medizin künftig praktiziert wird. Nach seiner Erfahrung berichten Patienten oft von Symptomen, die gerade dann nicht auftauchen wenn sie dem Arzt davon berichten. Der aktive Kardiologe Ivor Benjamin M.D. von der AHA sagt dazu:

The ability to access health data on an on-demand-electronic-cardiogram ist game changing. Products that seek and provide deeper health insights offer great potential […]

Die Apple Watch 2018 führt Elektroden im Saphirglas und der digitalen Krone. So kann der Träger der Uhr mit der vorinstallierten App ein EKG ableiten. Alle Daten aus der EKG-Aufzeichnung werden in der apple-eigenen, digitalen Gesundheitsakte („Health-App“) gespeichert. Als PDF können die Ableitungen dann an Ärzte und medizinisches Fachpersonal weitergegeben werden.

Warum misst Apple unseren Herzschlag?

Auch diese neuen Apple Watch dürfte wieder kontroverse Diskussionen hervorrufen. Es scheint, als rücke Apple mit einer einfachen Uhr immer näher an die kardiologische Diagnostik heran. Natürlich besteht hier ein beträchtlicher Abstand zu den klinischen Methoden, die ja stets den Einzelfall betrachten. Vor allem misst Apple mit der Uhr größtenteils den Herzrhythmus von gesunden Menschen. Und diese Ableitungen eines EKG sollten bei den meisten Trägern unauffällig sein. Doch genau darin liegt ein exponentieller Unterschied.

Die Millionen von Datensätzen eines mit der Apple Watch Series 4 erhobenen EKG haben eine ganz andere Bedeutung als die einzeln erhobenen EKG in einer kardiologischen Praxis oder Klinik. Wenn ein Unternehmen mit Expertise in künstlicher Intelligenz über einen derart umfassenden Datenbestand verfügt, weiß es nicht nur genau, wann ein Mensch herzgesund ist. Es erkennt auch die Musterabweichungen und weiß eines Tages viel besser, wann eine solche Abweichung einer Diagnose entspricht, die Ärzte in einem Krankenhaus immer nur auf den Einzelfall herunterbrechen. Anhand langjähriger Erfahrungen, Studien und Vergleichsdaten stellen Ärzte ihre Diagnosen. Aber eben erst dann, wenn der Patient vorspricht oder schlimmstenfalls mit dem Rettungswagen eingeliefert wird. Die permanente Überwachung am Handgelenk wird kein Akteur eines Gesundheitswesens, egal in welchem Land in absehbarer Zeit realisieren. Den Unterschied – das sei noch einmal erwähnt – macht nicht das Tragen eines Sensors allein, sondern der Abgleich der Daten im Hintergrund; mit einer Vielzahl von Muster, die in der Summe der Datenbestände kein Krankenhaus vorweisen kann.

Damit nimmt Apple weniger Ärzte ins Visier. Der Auftritt des Präsidenten der AHA war ein deutliches Signal, dass Apple den Schulterschluss zu den Ärzten sucht. Auch der Dialog mit der FDA und Standford Medicine sprechen dafür. Natürlich auch, um kritischen Menschen die letzte Scheu zu nehmen, ein Produkt des eigenen Hauses zu kaufen. Doch bei diesem komplexen Thema, erscheint die reine Instrumentalisierung von Ärzten eher unwahrscheinlich.

Die Apple Watch Series 4 geht den logischen Schritt, der sich bereits im letzten Jahr ankündigte. Apple (und andere Tech-Größen) tauchen im Alltag der Menschen auf, eine quasi vorklinischen Phase. Das mag auf medizinische Experten noch stiefmütterlich wirken und keinen Widerspruch in der eigenen Wirklichkeit provozieren. Aber, …

Heute ist Apple wieder einen Schritt gegangen, der eines Tages der eine Schritt sein kann, den man der traditionellen Medizin voraus ist.